In eigener Sache: Offener Brief

30 Jahre — seit 1989 arbeite ich im Ev. Kindergarten Fischerhude, seit 1.5.1999 als Leitung dieser Kindertageseinrichtung. Das gelingt nur mit einem kompetenten Team von Pädagoginnen, die langjährig täglich ihre Arbeit mit den uns anvertrauten Kindern tun. Was wäre ich ohne meine Kolleginnen.

Als ich begann, wurden Einladungen an die Eltern über Matrizen vervielfältigt, es gab keinen Kopierer und auch keinen Computer. Wir erledigten unseren Schriftverkehr per Hand und schrieben Briefe. Eine gemächliche Zeit. Im Kindergarten gab es keinen Frühdienst und mit dem Glockenschlag um 12.00 Uhr waren der Vormittag und die Betreuung beendet. Mir wurde gesagt: „Christa, um 12 muss die Hose kalt am Haken hängen!“

Wie haben sich die Zeiten geändert! Heute betreuen wir von 7.30 Uhr bis 16.00 Uhr. Unsere Kinder bekommen einen vollwertigen Mittagstisch, und die Kleinen haben ihre kuscheligen Bettchen bei uns, in die sie freiwillig jeden Tag schlüpfen, wenn sie mit zwei Jahren um 11.00 Uhr müde sind. Auch Kinder aus Vietnam, Syrien und Afghanistan werden bei uns betreut und wir haben seit Oktober 2017 unsere geschätzte Kollegin Özlem mit kurdisch-türkischen Wurzeln im Team, die auch dann unsere große Stütze ist, wenn wir mit deutsch und englisch nicht mehr weiterkommen. Was für eine Vielfalt! Eins ist jedoch seit Gründung des Kindergartens 1970 geblieben: Bis heute spielt die Konfessionszugehörigkeit von Eltern und Kindern keine Rolle. Sie wird an keiner Stelle abgefragt.

Für unseren Schriftverkehr benutzen wir nur noch den Computer, wir tauschen Wechseldatenträger untereinander aus und verständigen uns über Mails. Für die Verwaltung der Kinder gibt es ein Kindergartenprogramm und wir sind mit dem Kirchenamt vernetzt. Alles passiert schnell und lautlos!

Das dachte ich auch – bis zum 28.02.2019! Ich kam mittags aus dem Dienst, und mich erreichte zuhause ein Anruf aus dem Rathaus, mit dem Hinweis, alle Abteilungen im Rathaus des Fleckens Ottersberg, dem Landkreis Verden, dem Gesundheitsamt Verden, den in den Rat Ottersberg gewählten Parteien und, wie sich später heraus stellen sollte, auch vielen Privatleuten in Fischerhude wäre ein „offener Brief von mir“ per Mail zugesandt worden. Zunächst einmal war ich sprachlos. Sekunden später, weiter geleitet per Mail aus dem Rathaus, hatte ich dieses Machwerk, voll mit rassistischen und antisemitischen Inhalten vor mir auf dem Bildschirm. Dieser Brief war unter meinem Namen und unter meiner Kindergarten-Mail-Adresse verschickt worden. Ein schreckliches Gefühl, so missbraucht zu werden!

Ich habe eine Stunde später einen Strafantrag bei der Polizei gestellt. Am Freitag wurde festgestellt, dass meine dienstliche Mail Adresse gehackt worden ist. Der Staatsschutz und die Staatsanwaltschaft haben die Ermittlungen übernommen und ich hoffe, dass die Sache aufgeklärt wird und der oder die Täter bestraft werden.

Inzwischen habe ich von meiner Familie, den Kindergarteneltern, dem KV Fischerhude, Herrn Hellmann vom Kirchenamt Verden, Herrn Superintendenten Steinhausen durch seine schnelle Gegendarstellung in den regionalen Zeitungen und von vielen Menschen im Dorf Zuspruch erfahren. All das hat mir Mut gemacht. Ich habe allerdings auch Reaktionen erfahren, die ich nach so vielen Jahren Berufstätigkeit im Fischerhuder Kindergarten nicht erwartet hätte. Aus diesem Grund werde ich mich erst recht noch stärker für die religiöse und kulturelle Vielfalt im Kindergarten einsetzten.

Bleiben Sie mir gewogen.

Ihre Christa Lechtleitner